Breadcrumbing – Mit ein paar Krümeln im Orbit gehalten werden

Andrej   29. August 2019   Kommentare deaktiviert für Breadcrumbing – Mit ein paar Krümeln im Orbit gehalten werden

In Zeiten des Onlinedatings scheinen viele Menschen jegliches Gefühl von Gut und Böse, von Richtig und Falsch verloren zu haben. Anstatt klare Ansagen zu machen, werden sowohl Männer wie auch Frauen im Orbit des potenziellen Partners festgehalten und mit ein paar Brotkrümel bei Laune gehalten.

Keine Frage, es ist heutzutage sehr schwer, den richtigen Menschen für eine dauerhafte Partnerschaft zu finden. Portale wie Tinder & Co sorgen dafür, dass man vermeintlich eine riesige Auswahl hat und man auf dem Smartphone nur kurz zur Seite wischen muss, um eine noch attraktivere Frau, einen noch sportlicheren Mann ausfindig zu machen. Die Krux an der Sache: Ist man erstmal ins Gespräch gekommen, will man denjenigen, der Interesse bekundet, natürlich erst mal binden. Vielleicht findet sich nichts besseres, dann muss man die Abende zumindest nicht alleine verbringen.

Brotkrümel werfen – ein Köder, der unglücklich macht

Im World Wide Web tummeln sich nicht nur Singles, die auf echter Partnersuche sind, sondern auch die, denen es um ein schnelles Vergnügen geht. Selbstverständlich fällt man bei letzterem nicht mit der Türe ins Haus, damit das Gegenüber nicht sofort abgeschreckt ist und weiterzieht. Somit wird in den Online-Singlebörsen gelogen, was das Zeug hält.

Breadcrumbing
Breadcrumbing | Bild von congerdesign auf Pixabay

Da werden Frauen wie auch Männer vom ersten Chatgespräch an im Unklaren gelassen. Und zwar über tatsächlichem Familienstand, die Anzahl der schon vorhandenen Kinder, über das tatsächliche Alter, über Gewicht und natürlich über die Absicht, warum man sich auf der Plattform befindet.

Obwohl sehr viele User Singlebörsen und Kontakt-Plattformen nutzen, ist es trotzdem nicht immer ganz einfach, genau das zu finden, was man eigentlich sucht. Beißt dann irgendjemand an, signalisiert also Interesse an der eigenen Person, wird dieser Mensch erst mal hingehalten und in den eigenen Orbit gepackt. Es schmeichelt und pusht das Ego ungemein.

Doch irgendwann dämmert dem anderen natürlich, dass der oder die Auserwählte nicht das gleiche Ziel hat – die Partnerschaft mit einem selbst einzugehen. Meist ist es nach den Chats schon zu Telefonaten gekommen, Dates kommen beim Breadcrumbing jedoch so gut wie nie zustande. 

Breadcrumbing wird von Männern öfter betrieben. Es gibt jedoch auch Frauen, die diesen Egobooster für sich nutzen. Ein reales Kennenlernen ist hier nicht gewollt!

Breadcrumbing – eine Masche, die Wünsche und Erwartungen füttert

Beim Brotkrümelwerfen geht es vor allem darum, das eigene Selbstwertgefühl so lange wie möglich zu steigern. Es wird geflirtet auf Teufel komm raus, Komplimente werden über alle virtuellen Kanäle verschickt, Versprechungen werden gemacht und Hoffnungen geschürt.

Das Opfer wird also angefüttert, damit es dem Gegenüber die maximale Aufmerksamkeit schenkt. Über die wahre Identität des Chat- oder Telefonpartners kommt hingegen nicht viel ans Tageslicht. Häufig sind Name und Mobilfunknummer die einzigen Details, die bekannt sind.

Hat der Breadcrumbler für den Moment genügend Aufmerksamkeit erhalten, bzw. hat er schon ein weiteres Opfer für seine Strategie ausfindig machen können, wird es etwas ruhiger. Es kommen über Tage oder gar Wochen und Monate keinerlei Nachrichten oder Anrufe mehr, was das Opfer sehr irritiert und aktiv werden lässt. Auf Nachfragen wird dann häufig gar nicht geantwortet und Anrufe laufen ins Leere.

Doch irgendwann ist der Breadcrumbler wieder da. Mit großen Gesten verdeutlicht er, wie schlecht es ihm gegangen sein, wie viel Arbeit er hatte oder was sonst in seinem Leben schreckliches passiert ist. Dazu macht er herzzerreißende Komplimente, sodass das Opfer schnell eine Erleichterung erfährt und wieder das Gespräch aufnimmt. Auch Dates werden nun geplant – die jedoch niemals zustande kommen werden, sondern nur erneute Hoffnung auf eine Partnerschaft schüren sollen.

Die Dating Ausreden beim Breadcrumbing

Dankbare Opfer des Breadcrumbling-Prozesses sind die Menschen, die Verständnis für den anderen haben und die vermeintlichen Gründe für das tage-, wochen- oder monatelange Nichtmelden glauben. Vielfach ist es auch die eigene Einsamkeit, die ein Fortführen dieses Online- oder Telefonkontaktes wünschenswert macht. Ist der Breadcrumbler wieder aufgetaucht, weiß er, dass er jetzt Nägel mit Köpfen machen muss, sprich er muss ein Date anbieten. Das Opfer freut sich, macht Pläne, kauft sich neue Outfits und ist guter Dinge, dass es bald schon den neuen Partner trifft.

Rückt das Date dann näher, wird das Date (oftmals ganz kurz vorher) gecancelt. Ausreden wie Todesfälle, schwere Erkrankungen, Überstunden, beste Freundin hat Liebeskummer sind dabei dankbare Ausreden. Und dann ist er auch wieder weg, der Hänsel aus unserem modernen Märchen. Er weiß, er könnte, wenn er wollte. Das reicht ihm! Fürs erste natürlich. In ein paar Wochen ist er wieder da!

Dating Ausreden
Dating Ausreden | Bild von Gersón Alvarez auf Pixabay

Was bewirkt das Brotkrümel werfen?

Opfer von Breadcrumbing sind in den meisten Fällen an einer festen Partnerschaft interessiert und gehen überdies davon aus, dass der Chat- und Telefonpartner ähnliche Absichten verfolgt. Tatsächlich geht es jedoch keinen Schritt voran – der Breadcrumber hält das Feuer am Lodern und der andere hofft weiterhin, dass schon bald ein Date erfolgt.

Auf Dauer ein äußerst zermürbender Zustand. Das Wechselbad der Gefühle ist vorprogrammiert und irgendwann landet das Opfer in der Grübelfalle. Der Breadcrumber erweckt ständig den Eindruck, dass auch seinerseits mehr als nur ein Flirt gewünscht ist. Zu einem echten Kennenlernen kommt es jedoch nie.

Als Breadcrumber sind häufig die Menschen im Netz unterwegs, die in einer festen Partnerschaft leben, dort allerdings keine richtige Erfüllung finden. Mit Fake-Accounts und falschen Angaben zur eigenen Person werden dann Menschen angelockt und mit Komplimenten angefüttert, um das eigene Ego zu pushen. Vergleichbar mit einem anonymen Marktwertcheck wird getestet, ob noch Chancen beim anderen Geschlecht vorhanden sind. Beißt jemand an, so erhält der Breadcrumber die maximal gewünschte Zuwendung und spielt das Spiel solange, bis sich das Opfer abwendet.

Darüber hinaus finden sich unter den Breadcrumbern auch viele, die sich schlichtweg nicht entscheiden können. Haben sie mehrere Flirtpartner am Start, so sind sie nicht in der Lage, zu filtern und Kontakte zu canceln. Um einem möglichen Alleinsein zuvorzukommen, werden sämtliche Flirts mit Versprechungen und Komplimenten hingehalten – einen Mittel zum Zweck, das frei von jeglicher Emotion dem anderen gegenüber ist. In diesem Fall nennt sich die Strategie dann Benching.